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21 Mai 2024

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Februar 2023

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dackel haben immer mal wieder ein ziemlich fieses Imageproblem. So wurden sie zum Inbegriff der Spießigkeit erklärt, nur weil ziemlich viele tendenziell humorlose Menschen es lustig fanden, ihre nichtssagenden Automobile mit Wackeldackeln auf der Hutablage zu verschönern. Wären sie doch bloß alle bei diesen umhäkelten WC-Papierrollen geblieben, dann hätten die Vierbeiner sich nicht vor die nahezu unlösbare Aufgabe gestellt gesehen, ihren ramponierten Ruf zu retten.

Und dann jetzt das. In einer Zeit, in der diese ja meist possierlichen Kleinsthunde wieder als einigermaßen süß und liebenswert gelten, dient einer von ihnen als Waffenlieferant für einen Ballettdirektor in Hannover. Der ließ sich von seinem Hündchen eine überaus geschmacklose, dafür aber geruchsintensive Stinkbombe fabrizieren, um sie in der Pause einer Ballettpremiere in der Staatsoper im Gesicht einer Theaterkritikerin zu platzieren, woraufhin nun wirklich alle an die arme Kritikerin, kaum aber jemand an den armen Dackel dachte, den Mittäter wider Willen.
Immerhin konnte sich der übergriffige Ballettdirektor dann zur Erkenntnis durchringen, dass die Wahl seiner Mittel vielleicht nicht „ganz super“ gewesen ist. Woran sich natürlich auch ganz gut erkennen lässt, wie schwer es ihm fallen muss, die Urteile anderer (Theaterkritik) hinzunehmen, wenn die Sache mit der Selbstkritik schon so schwer über die Bühne gehen will.

Egal, die Rettung der Welt ist sowieso nicht von Seiten der Ballettbühnen zu erwarten, sondern von einem unscheinbaren Programm namens Chat GPT. Einem Programm, das in der Lage ist, Texte zu verfassen, und darüber hinaus die Bereitschaft zeigt, sich von Menschen zutexten zu lassen, die ohne dieses Programm eventuell niemanden finden, der ihre Fragen und Meinungen allzu lange anhören mag. Aber nicht nur diese Kandidaten, die ansonsten der Freude einer Konversation entsagen müssten, bedient Chat GPT. Auch Leute mit intaktem Freundeskreis sind willkommen, das Programm aus dem Silicon Valley zu bitten, einen Schüttelreim über ein Rührei zu schreiben – und wo jeder Mensch mit Hang zur Lyrik diese demütigende Aufgabe schlichtweg verweigern würde, legt die Künstliche Intelligenz unverzagt los und liefert ab.

Nun wäre das alles halb so wild. Soll sie doch Schüttelreime über Rühreier schreiben, könnten wir denken und es dabei belassen. Aber schon steht die gesamte Schar schulpflichtiger Kinder und Jugendlicher auf der Matte, eine Gemeinschaft, die – wenn es um ihre Hausaufgaben geht – mindestens so viel kriminelle Energie entwickeln kann wie manch Ballettdirektor mit Hundeentleerungen. Denn klar: Früher gab es für Hausaufgaben relativ viel Beschaffungsstress. Man musste eine halbe Stunde vor Anpfiff zur Schule, einen Bereitwilligen finden, der sein Heft rausrückte, und dann noch Glück haben, beim Abschreiben hinter der Pausenhofmülltonne nicht erwischt zu werden. Und heute? Handy raus, Chat GPT angeschmissen, Hausaufgabe erfragt. Der Rest ist Copy und Paste. Und plötzlich sind nicht nur die Hausaufgaben auf Einser-Kurs, es gibt auf einmal auch richtig viel Zeit, sich sinnvolleren Beschäftigungen zu widmen. Zum Beispiel damit, Kartoffelbrei auf Vorrat zu produzieren, für die nächsten Klima-Performances in den Museen dieser Welt.

Apropos Hausaufgaben. Auch die Politik spricht ja immer wieder davon, Hausaufgaben machen zu müssen. Und da passt doch die kürzliche Meldung prima ins Bild, dass Chat GPT auch politische Reden verfassen kann. Allerdings, Moment mal… Wie kommt es jetzt, dass das eigentlich niemanden überrascht? Haben wir da vielleicht sowieso den Verdacht, dass auf diesem Gebiet eine Fachkraft mit im Spiel ist, die sehr viel schreibt und dabei sehr wenig sagt?

Sei es, wie es sei. Wir wissen, auf wen wir mit unserer nächsten Pulle Winzersekt anstoßen werden. Auf den Dackel natürlich. Auf seine Ehrenrettung. Und darauf, dass er weder wackelt noch – na, Sie wissen schon.

Ihr
Team von SB&W

Bauvorhaben dieser Ausgabe

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