Juni/Juli 2026
Liebe Leserin, lieber Leser,
wir alle wissen, wie ein gepflegtes Victory-Zeichen aussieht: Wir spreizen einfach Zeige- und Mittelfinger, ballen den Rest der Hand zur Faust und strecken das Ergebnis in die Höhe. Zu sehen ist ein V. Wie Victory, also Sieg. Nichts einfacher als das, denkt man.
Und dann die große Überraschung. Dem Sportartikelausstatter der deutschen Fußballnationalmannschaft der Herren ist schon nach wenigen Tagen WM ausgerechnet dieser Buchstabe ausgegangen. Den brauchen sie, um ihn auf Trikots zu flocken, die sie für rund 10 Euro herstellen und für rund 100 Euro an Fans verkaufen. Das mulss man sich wie eine Kartoffel vorstellen, die plötzlich 20 Euro kostet, weil auf ihrer Schale „Kimmich“ steht.
Mit dem Kapitän der Mannschaft gibt’s Trikot-technisch allerdings auch keine Probleme, denn K, I, M, C und H sind bei Adidas nicht ausgegangen. Viele, viele Taschentücher und Teddybären wurden landauf und landab in Kinderzimmern mit heißen Tränen durchnässt, weil die Kids sich gleich zu Beginn der WM nicht „Pavlovich“, „Havartz“ und „Undav“ schenken lassen konnten, wobei man bei „Undav“ noch hätte überlegen können, sich „Unda“ zu bestellen und den Rest mit einem schwarzen Eding zu erledigen.
Dass das V ein knappes Gut ist, weiß natürlich jeder Mensch, der gerne Scrabble spielt. Es ist viel leichter „Bananenbrot“ zu legen als „Veilchen“, „Voliere“ oder „Vollpfosten“. Dafür gibt’s für ein V dann aber auch mehr Punkte, und Punkte zu holen, könnte ja ein seriöses Interesse der Nationalelf sein – und damit auch ihres Sportartikelausrüsters, der nächstes Jahr dann ja sowieso ein anderer sein wird, nämlich Nike, die gute alte antike Siegesgöttin. Die hat „Victory“ dann ohnehin drauf, nimmt dafür allerdings noch ein paar Euro mehr fürs Fan-Trikot.
Ein bisschen mehr Siegeswillen stünde derzeit auch einem anderen deutschen Team nicht so schlecht zu Gesicht, wenn man denn die Bundesregierung überhaupt als Team bezeichnen darf. Wäre sie die Besetzung in einem Pferdehof, fiele es den meisten Tieren jedenfalls nicht ganz leicht zu entscheiden, was nun eigentlich zu tun ist. Da ruft der eine „Hü!“ und die andere „Hott!“ – und das arme Ross denkt: Soll ich jetzt traben oder springen? Und macht dann am Ende erst mal lieber gar nichts.
Dabei hat es doch an vollmundigen Versprechen nicht gefehlt. Es ist noch gar nicht so lange her, als der damals Noch-nicht-Kanzler Merz in Aussicht stellte, er hätte die Kompetenz und Überzeugungskraft, die Wahlergebnisse der AfD zu halbieren. Um das eines Tages vielleicht zu schaffen, hat er sie vorsorglich erst mal verdoppelt. Und was ist eigentlich aus dem mit allem Tamm-Tamm angekündigten „Herbst der Reformen“ geworden? Na gut, er hat gesagt, welchen Herbst er meint. Dieses Jahr, nächstes Jahr, Mitte des Jahrhunderts – Herbst wird es immer wieder. Und dass man im Kabinett eher in längeren Zeitdimensionen denkt, zeigt ja schon die Tatsache, dass man in Sachen Rente jetzt zunächst mal den aktuell vierjährigen Mitbürgerinnen und Mitbürgern zu erklären versucht, dass sie einst arbeiten werden müssen, bis sie siebzig sind, also bis 2092.
Wer weiß, ob wir dann nicht schon alle im Himmel sind. Nicht religiös gemeint, sondern ganz konkret, nämlich auf dem Mars. Schließlich haben wir Elon Musk nicht zum ersten Billionär der Menschheit gemacht, damit er seine Hände in den Schoß legt. Wir wollen nicht nur SpaceX-Aktien, sondern möglichst schnell ein Ticket, um einen Planeten zu verlassen, den wir immer unbewohnbarer machen und stattdessen den nächsten zu schnappen.
Oder vielleicht doch lieber Bananenbrot? Nicht legen, sondern wirklich backen, es gilt als Soulfood und führt garantiert zu Glücksgefühlen. Und zwar mindestens soviel Glück wie der Kanzler hatte, als er beim G7-Gipfel dem US-Präsidenten ein deutsches Nationaltrikot überreichte. Nicht auszudenken, wenn es der Vizepräsident gewesen wäre. Denn für „Vance“ hätte er ein V gebraucht.
Wir wünschen einen schönen Sommer mit vielen siegreichen Projekten!
Ihr Team von SB&W
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